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Nachricht an die Gemeinde Helsa

Die Blutfinken

Die Eschenstruther tragen den Spottnamen "die Blutfinken". Für uns, die Eschenstruther, ist es heute kein Spottname mehr. Ja, wir sind die Blutfinken, und wir kennen die Vögel, von denen dieser Name kommt. Doch was es damit geschichtlich auf sich hat, dürfte kaum bekannt sein. Auch in anderen Dörfern der Umgebung geschah die Aufzucht und das Abrichten von Vögeln. Besonders beliebt war das Abrichten von Blutfinken, die auch Dompfaff oder Gimpel genannt werden. Diese Vögel, eine Finkenart, kommen auch heute noch in unserer Gegend recht zahlreich vor.
Der Bericht eines heute schon Verstorbenen macht uns deutlich, was da geschah. "Der Fang der Blutfinken und das Abrichten ist von alters her Tradition in Eschenstruth, daher ist der Spitzname "Eschenstruther Blutfinken" vollkommen in Ordnung…Ich habe schon von meinem 22.Jahre an Blutfinken gefangen. Meistens ging ich am Sonntag in aller Frühe in den Wald und beobachtete die Vogelpärchen bei dem Bau der Nester, die größtenteils in kleinen Tännchen waren. Wenn ich ein Nest entdeckt hatte, holte ich die ausgeschlüpften Jungen im Alter von etwa vier bis fünf Tagen nach Hause. Hier fütterte ich die Vögel mit Brei, der aus hartgekochten Eiern und Sommersamen bestand.
Ich fütterte solange, bis sie flügge waren. Nun begann die Lehrzeit. Ich pfiff in dieser Zeit jeden Tag zwei- bis drei- auch viermal dasselbe Lied vor, bis sie es begriffen hatten. Man lernte den Vögeln zwei Lieder. Wenn sie diese konnten, verkaufte ich die Vögel. Vor dem Ersten Weltkrieg bekam ich für einen Vogel 50,- bis 70,-RM bezahlt. Die Vögel begriffen folgende Lieder am leichtesten: ‚Blau blüht ein Blümelein…', ‚Schätzel komm mal rüber…', ‚Ein Jäger aus Kurpfalz…' oder ‚Frisch auf zum fröhlichen Jagen'. Ich lernte sie den ‚Postillon'. Wenn ein Blutfink in der Lehre war, durfte im Hause kein anderes Lied gepfiffen werden."
Nicht die Aufzucht der Vögel mag den Eschenstruthern ihren Spitznamen eingetragen haben, denn das taten andere auch. Für Eschenstruth dürften die Vogelhändler bedeutungsvoll gewesen sein. Im Jahr 1841 hat Pfarrer Schwarzenberg ein Communikantenbuch für Eschenstruth aufgestellt. Darin wird jede Familie genannt und ihr Charakter beurteilt. Vorher hat der Pfarrer eine Gesamtbeurteilung aufgezeichnet. Darin schrieb er über den Charakter der Einwohner: "Das raue Clima, die Dürftigkeit des Bodens scheint hier entschieden auf den Charakter der Einwohner eingewirkt zu haben, der rauh, derb und nichts weniger als geschmeidig und biegsam ist. Zur Ehre gereicht es jedoch den armen Leute, dass fast alle ohne Unterschied rührig, betriebsam und erfinderisch sich einen Erwerb zu verschaffen und sehr unternehmend zeigen…"
(Und dazu an den Rand geschrieben:) "Es findet sich hier ein Mann, der durch den Handel mit Blutfinken sich ein nicht unbedeutendes Vermögen erworben hat, und ohne besondere Kenntnisse in allen großen Städten Großbritanniens und Irlands, in den Hansestädten (Hamburg, Bremen, Lübeck), in Petersburg, Wien und Berlin sein Geschäft getrieben hat."
Über den kirchlichen religiösen Sinn der Einwohner zu Eschenstruth schreibt Pfarrer Schwarzenberg weiter: "…Wenn in tüchtigen Bauerndörfern die Glieder der Gemeinde in der Regel an Sonntagen von aller Arbeit ruhen und regelmäßig zur Kirche gehen, so gibt es in Eschenstruth nicht wenige, die auch am Sonntage, wenn sie auch nicht eigentlich arbeiten, doch in Angelegenheiten des zeitlichen Erwerbs ausgehen, wozu freilich wohl ihr Notstand sie veranlasst. (Hier am Rande:) In der Jahreszeit, wo die jungen Blutfinken ausgehoben werden, ist dieses vorzugsweise bemerkbar."

Interessant ist die Anmerkung von Pfarrer Schwarzenberg über den Vogelhändler, der die weiten Reisen gemacht hat. Ich habe im Kirchenbuch nachzuprüfen versucht, wen er gemeint hat und bin dabei nicht auf einen, sondern auf fünf Vogelhändler gestoßen. Da ist zunächst der Hufschmied Georg Schintze. Er stammte aus Quentel und heiratete 1825 die Anna Katharina Haase , eine Tochter des Leinewebers Martin Haase. Bei einer Taufe 1838 wird der Beruf des Vaters als Vogelhändler angegeben. Als 1846 seine Tochter den Vogelhändler Johann Jost Jacob heiratete, steht von ihrem Vater angegeben, dass er verschollen sei. Als Rentier ist J.J Jacob erst 1905 in dem väterlichen Haus neben dem Pfarrhaus gestorben.
Es heißt von ihm, dass er als Vogelhändler bis nach Amerika gekommen sei. Mit zur Familie muss ich den 5.Vogelhändler rechnen. 1831 hat der Husar Balthasar Giesler ein uneheliches Kind mit Marie Elisabeth Haase, einer Schwägerin des Georg Schintze. 1835 heirateten die beiden, dabei wird Balthasar Leineweber genannt. Bei der Taufe 1838 wird auch er "Vogelhändler" genannt. Mit der gleichen Berufsbezeichnung ist 1866 sein Tod verzeichnet. Er starb am 27.111865 in Bremerhaven. Zur Familie Schintze gehörte weiter der Vogelhändler Johannes Schäfer, Lehrersohn aus Eschenstruth. Da wird 1853 das Kind Arthur Schäfer beerdigt. Als Eltern sind angegeben der "sich dermalen in Amerika aufhaltende Vogelhändler Johannes Schäfer und dessen hier lebende Ehefrau Anna Elisabeth geb. Schintze". Als Geburtsort des Kindes ist Liverpool angegeben. Die junge Frau war also ihrem Mann nach England gefolgt und ist dort niedergekommen. Die Heirat des Johannes Schäfer mit Anna Elisabeth Schintze war 1849. Die Ehe wurde geschieden.
Sie heiratete 1864 den Vogelhändler Joh. Jost Jacob und starb 1871. Eine Schwester von ihr wanderte nach Amerika aus und hat dort lebende Nachkommen.
Wir kennen vielleicht alte Bilder von Vogelhändlern, die mit vielen kleinen Käfigen auf dem Rücken in die Welt zogen und überall ihre Sänger anboten. So wurden auch Blutfinken aus der Söhre und dem Riedforst in ferne Gegenden getragen und mögen in manchem Käfig in fernen Städten die Familien mit ihren Liedern erfreut haben. Ich nehme an, dass diese Vogelhändler uns den Spitznamen eingetragen haben. Und sie hatten eine Grundlage für ihren Handel, weil viele Familien in Eschenstruth aus dem Aufziehen und Abrichten von Blutfinken einen lohnenden Nebenerwerb geschaffen hatten. In jenen armen Zeiten, in denen die Leineweberei immer mehr an Absatzgebieten verlor, war solch ein Nebenerwerb für manchen eine wichtige Hilfe im Kampf um das tägliche Brot.

Es war an einem jener Frühlingsabende, an denen es draußen so recht singt und klingt. Ich hatte in Günsterode eine Andacht gehabt und war auf dem Heimweg nach Quentel. Den Breiten Berg hatte ich hinter mir. Rechts war eine Tannenschonung. Es war alles ganz friedlich umher. Plötzlich raschelte und knackste es im Dickicht. Nach der Lautstärke musste es mindestens ein Hirsch sein. So ganz geheuer war es mir nicht. Doch dann kam ein Mann aus den Tannen. Er erschrak mindestens so sehr wie ich. Es war aus Quentel. Wir gingen heim, und er erzählte mir von einem Blutfinkennest, das er in den Tannen gefunden hatte und demnächst ausnehmen wollte. Das war meine erste Bekanntschaft mit einem Blutfinkenzüchter. Doch ich kann keine eigenen Erlebnisse zum Besten geben, ich muss mich auf Berichte von alten Eschenstruther "Blutfinken" verlassen. Da gibt es mancherlei Erzählungen. "In den früheren Jahren war das Blutfinkenfangen ein toller Sport. Im Sommer sind die Leute abends um 11 Uhr über eineinhalb Stunden weit mit den Fahrrädern in den Wald gefahren, um bei Tagesanbruch an Ort und Stelle zu sein. Ihre Ziele waren der Riedforst von Günsterode bis hin nach Melsungen und noch weiter. Sie legten sich regungslos unter die Tannen und hörten auf die Lockrufe der Vögel…"

"…Zum Blutfinkenfangen braucht man ein gutes Gehör und gute Augen. Männchen und Weibchen unterscheidet man dadurch, dass bei dem Männchen die Brust rot ist, bei dem Weibchen graublau. Die Brutzeit dauert 14 Tage. Während der Brutzeit füttert das Männchen das Weibchen. Wer Zeit hat und gut aufpasst, kann während der Brutzeit die Nester ausmachen. Sind die Kleinen ausgeschlüpft, hilft auch das Weibchen beim Füttern. Dies geschieht regelmäßig alle Stunde…"

"…Wenn man die Nester ausheben will, muss man sich schon bei Tagesanbruch auf die Beine machen, da sie schon sehr früh ausfliegen, Futter zu suchen. Die Blutfinken sind sehr schlau. Wenn sie merken, dass sie beobachtet werden, machen sie verschiedenen Umwege, um ja nicht die Nester zu verraten…"
"…Ich und mein Vater gingen in den Wald auf Blutfinkensuche. Wir gingen auf das Werk. Wir versteckten uns unter einer Tanne, um die herumfliegenden Blutfinken zu beobachten. Lange Zeit sahen wir keine. Auf einmal sah mein Vater einen, der saß auf einer Tanne. Mein Vater hatte das Fernglas mitgenommen und beobachtete den Vogel. ‚Wir müssen sehen, wo er hinfliegt, denn dort hat er sein Nest.' Endlich flog der Vogel in eine Tanne und kam wieder. Wir gingen hin und fanden das Nest. Es lagen fünf nackte, kleine Vögel drin. Mein Vater nahm das Nest heraus und legte es in die Fangkugel und steckte es unter seine Jacke."
"…Zu Hause kommen die Blutfinken in einen Kasten, der mit warmen Tüchern ausgelegt ist. Nun beginnt das Füttern. Es geschieht mit einer Gänsefeder, man kann aber auch ein Hölzchen nehmen. Sie bekommen Sommersamen, der aber vorher gebrüht und gestampft wird…Man darf sie aber nicht zu fett füttern, sonst sind sie im Singen zu faul…
Zum Anlernen ist große geduld erforderlich. Man muss ihnen manche Stunde vorpfeifen, bis sie es begriffen haben. Am besten sind die Männchen dazu geeignet, die Weibchen lernen es selten…"
"…Das Pfeifen lernen nur die Männchen, die Weibchen werden wieder ausgesetzt."
Das es beim Nestersuchen nicht immer nur todernst zuging, ist klar. Mancherlei Neckisches kann berichtet werden. So erzählte der alte Stiehler, wie sie einem einmal die Blutfinken aus dem Nest geholt und ihm dafür junge Spatzen in das Nest gesetzt hätten.

"…Beim Blutfinkenfang geht es auch oft lustig zu. Ein gutes Frühstück wird mitgenommen, und eine Pulle Schnaps ist die Ergänzung dazu…"
"…Oft kommt es auch vor, dass die Frauen mit Bangen bis zum Abend oder in die Nacht hinein auf ihre Männer warten müssen. Da waren sie aber nicht im Walde, Blutfinken suchen, sondern in einer Kneipe im Nachbardorf fröhlich eingekehrt und einer schaukelte den andern heim…"
Ein anderes Malheur: "…G.L. und ich gingen eines Morgens zum Blutfinkenfang. Unser Ziel war die Lache beim Wattenbacher Steinbruch. Als wir dort angekommen waren, ging Schorsche in die kleinen Tannen hinein, und ich blieb draußen stehen. Während ich auf meinen Stock gestützt dastand, kam plötzlich der Förster eine Schneise hinauf. Als er nicht mehr weit entfernt war, sprach ich ganz laut: ‚Guten Morgen, Herr Förster!' Dies tat ich, um Schorsche, der in den Tannen saß, zu sagen, dass der Förster in der Nähe sei. Der Förster fragte: ‚Was machen Sie hier?' ‚Gar nichts!' sagte ich. Der Förster: ‚Sie kommen mir verdächtig vor. Wo kommen Sie her?' ‚Aus Wollrode', sagte ich. ‚Machen Sie, dass Sie fortkommen', sagte der Förster. Hierauf nahm ich meinen Stock und ging zur Straße. Dorthin kam auch Schorsche, und wir gingen zusammen heim. Es war noch einmal gut gegangen…"
Auch anders konnte geschehen: "…Als mein Großvater noch ein junger Mann war, ging er frohen Herzens in den Wald, um Blutfinken zu fangen. Er erzählte mir: ‚…es gelang mir, mich bis an das Nest heranzuschleichen. Als ich im Gedanken an die Blutfinken den Baum bestieg, fiel ich mit Schrecken herunter. Ich blieb am nächsten Ast hängen und bekam eine große Wut, als ich merkte, dass ich das eine Hosenbein aufgeschlitzt hatte. Als ich weiterklettern wollte, sah ich den Förster gerade auf meinen Baum zukommen. Ich versteckte mich so gut wie ich konnte. Wenn er mich gesehen hätte, hätte ich Strafe zahlen müssen. Und obendrein das Loch in der Hose, das hätte zu Hause schönen Krach gegeben. Es ging alles gut. Nach einiger Zeit kroch ich noch einmal zu dem Unglücksbaum. Ich fand das Nest, in dem zwei Blutfinken lagen. Ich nahm sie heraus und stieg langsam den Baum herunter und ging mit Freude und Angst nach Hause…"
"…Als ich wieder über den Zaun steigen wollte, sah ich einen anderen Mann, der auch die Vögel holen wollte. Da habe ich die Vögel unter meinen Rock getan und bin schnell fortgelaufen. Als es hell wurde, kam ich im Dorf an. Da guckte eine Frau aus dem Fenster und fing laut an zu lachen. Ich drehte mich um und frage: ‚Warum lachst du?' ‚Du hast ja nur ein Hosenbein!' Ich ging davon, als hätte ich nichts gemerkt. Ich trug meine Vögel nach Hause und fütterte sie schön groß…"
Und wenn von Blutfinken die Rede ist, darf die köstlichste Geschichte nicht fehlen: "…Schnieders Hans hatte einen Blutfinken zu verkaufen. Der Vogel konnte aber noch nicht so richtig ein Lied pfeifen. Als er nun einen Händler kommen sah, sagte er seiner Frau, sie solle den Kauf abschließen. Er selbst versteckte sich im Kleiderschrank. Der Mann hieß Hans, und auch der Vogel wurde Hans gerufen. Als der Vogel etwas vorsingen sollte, sagte die Frau: ‚Hänschen, pfeif mal!', und der Hans im Schrank fing an zu pfeifen: ‚Ein Jäger aus Kurpfalz…' Es klappte ganz ausgezeichnet. Der Händler meinte: ‚So einen guten Vogel habe ich lange nicht mehr gehabt'. Hänschen wechselte für gutes Geld den Besitzer. Der Händler zog weiter, und Hans kam wieder aus dem Kleiderschrank. Er schmunzelte und rieb sich die Hände, wie er den Händler angeschmiert hatte…"
Von dem harten Konkurrenzkampf der Blutfinkenzüchter untereinander erfuhr ich dabei zwei weitere Beispiele, die ich noch nachtragen will. Manchmal wurde ein Nest von mehreren Anwärtern entdeckt. Wie konnte man da die Brut für sich retten? Eine vertauschte die Blutfinken- mit Hänflingen und ließ die Eier von Hänflingen ausbrüten. Sein böser Widersacher mag nicht wenig gestaunt haben, als sich seine nackten Vögel zu Hänflingen mauserten. Auch ein anderer wollte ganz sicher gehen. Als die Vögel am Ausschlüpfen waren, legte er sich unter den Baum, um aufzupassen. Leider hatte er einen so tiefen Schlaf, dass er beim Erwachen nur noch ein leeres Nest vorfand. Ja, so war das mit den Blutfinken. Wer weiß, möge es allen erzählen.